Juni 21, 2021

Ein Prinz für Helen

Vorwitzige Sonnenstrahlen kitzelten ihre Nase. Brummend zog Helen die Hand unter der warmen Decke hervor, kratzte sich und nahm sich ganz fest vor, die Augen geschlossen zu halten. Der Wecker hatte nicht geklingelt. Es war noch viel zu früh. Sie drehte sich auf die Seite und mummelte sich fest in die Decke. Bloß kein Licht bitte.
„Helen!“
Die Stimme war ganz leise. Ein fast tonloses Flüstern. Sie hatte sich ganz sicher verhört.
„Helen!“
Stirnrunzelnd zog sie die Decke bis über die Stirn. Das waren nur irgendwelche Geräusche, die sich ganz zufällig wie ihr Name anhörten.
„Helen, wach auf!“
Sie träumte. Ja, ganz bestimmt war das ein Traum. Einfach die Augen fest zukneifen, dann würde es gleich aufhören.
„Helen. Ich weiß, dass du mich hörst. Komm, bitte. Sieh mich an.“
Ihr Herz klopfte schneller. Da war jemand in ihrem Schlafzimmer. Da war… WAS????

Ihre Augen sprangen auf, die Hände verkrampften sich in der Decke, der Blick ging Richtung Tür und alle Muskelzellen in ihrem Körper erstarrten zu Stein. Er war DER Typ. Der EINE. Der PERFEKTE. Sie starrte auf breite Schultern und einen kräftigen Hals. Er war groß. Dunkle Haare, ungekämmt. Ein paar Strähnen fielen in seine Stirn. Braune Augen mit ganz vielen Lachfalten drumrum. Eine schöne Nase und geschwungene Lippen, die ein fröhliches Lächeln zeigten.
Ihr Blick glitt tiefer und traf auf seine Brust. Er trug eine Jeans und oben ein weißes, offenes Hemd. Sie sah auf Muskeln und glatte Haut. Darunter ein flacher Bauch. Dann kam der Bund einer Jeans und ein dunkelbrauner Ledergürtel. Eine deutliche Ausbuchtung. Wow…. Schnell senkte sie die Augen auf kräftige Beine.
Er hob eine Hand, eine schöne Hand, kräftig, von der Sonne gebräunt, und winkte ihr lässig zu.
„Helen, bist du jetzt wach?“
Ihr Blick glitt wieder hoch zu seinem Gesicht. Er zwinkerte ihr schmunzelnd zu. Sie träumte. Ganz sicher. Ihre Augen huschten zum Fenster. Helligkeit und Sonnenschein…. Wie jetzt… Sonnenschein???

Sie fixierte konzentriert seine Augen und räusperte sich. „Bist du echt?“
Er lachte. „Was glaubst du?“
„Ich habe keine Ahnung.“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin ein verwunschener Märchenprinz.“
Helen kicherte und kniff sich derb in den Arm. „Au!“
Er zog irritiert eine Augenbraue hoch. „Warum kneifst du dich?“
„Ach… nur so.“
Sie räusperte sich erneut. „Also. Noch mal von vorne. Wer bist du? Wie bist du hier reingekommen und was willst du von mir?“
Er zeigte auf die Bettkante. „Darf ich mich einen Moment setzen?“
„Äh… ja.“
Sie rückte schnell zur Seite. Die Matratze senkte sich und seine Hand legte sich über der Decke auf ihre Brust. Angenehme Wärme drang durch bis auf ihre Haut. „Äh… ja. Also, wie war das noch mal, wer bist du?“

„Ich bin ein verwunschener Märchenprinz. Du könntest mich retten, wenn Du möchtest.“
„Und.. was dann?“
„Dann könnten wir uns lieben.“
Sie starrte ihn an, aber seine Miene verriet keinen Hohn und keinen Spott, auch keine Ironie. „Ähm… so richtig, mit Sex und allem anderen Drum und Dran?“
„Ja, mit heißem Sex, Zärtlichkeit und allen romantischen Gefühlen, die dazu gehören.“
„Was muss ich tun?“
„Es war so eine Art Wette. Du kannst sie erfüllen.“
„Ich habe keinen einzigen Euro übrig. Echt jetzt. Ich komme gerade so klar. Tut mir leid.“
Er winkte ab. „Es geht doch nicht um Euros? Hast du denn noch nie Märchen gelesen?“
„Doch, die von den Grimms… damals.“
„Und war da je die Rede von Euros?“
„Nein, ich glaube nicht.“
Er lachte. „Siehst du. Hör zu, ich erzähle dir alles.“
Helen sah sich unauffällig im Schlafzimmer um. Aber nirgendwo blinkte ein rotes Licht, dass auf eine versteckte Kamera hinweisen könnte.
„Hey!“ Er legte seine Hand auf ihren Arm und rüttelte sie sanft. „Hörst du jetzt zu, oder nicht?“
Sie zuckte zusammen. Haut auf Haut. Wow. Es prickelte bis in den linken kleinen Zeh. Heiser stieß sie hervor „Leg los.“
„Ich war frustriert, weil ich keine Freundin fand und der schwarze Mann meinte, das läge…“
„Wer?“
„Der schwarze Mann. Ich glaube heute nennt ihr den Mister Frost oder Frust, oder so.“
„Aha.“
„Hörst du jetzt zu oder willst du weiter dazwischen quasseln?“
„Sorry, ich höre zu.“
„Okay, also der schwarze Mann meinte, es läge daran, dass die Menschen die Warmherzigkeit verloren haben. Ohne Warmherzigkeit keine Liebe. Ich glaubte ihm nicht. Ich meine, mal ehrlich, die Warmherzigkeit kann doch nicht einfach so verloren gehen. Auf so etwas passt man doch auf, oder?“
„Ähm… ja. Denke ich auch.“
Er nickte zufrieden. „Siehst du. Wir sind einer Meinung. Und dann haben wir gewettet. Ich muss Warmherzigkeit beweisen und dafür finde ich die Liebe meines Lebens.“
„Und wie… ähm… wie willst du das beweisen?“
„Er muss ganz oft das Wort Danke hören.“
„Wer?“
„Mr. Frust! Hörst du mir denn nicht zu? Konzentrier dich mal!“
„Sorry. Okay. Also er muss das Wort Danke hören.“
„Ja. Wenn er es oft genug gehört hat, glaubt er mir. Meinst du, du könntest möglichst viele Leute dazu bringen, danke zu sagen?“
Helen runzelte die Stirn. „Wie viele denn?“
Er verzog grübelnd die Lippen. „Ich weiß nicht, wie viele er hören muss, um überzeugt zu sein. Vielleicht…. hundert, oder so?“
„Das könnte ich schaffen.“
Er grinste. „Echt? Das wäre super.“
Sie stutzte. „Moment mal. Also ich sorge dafür, dass die Leute danke sagen und du findest die Liebe deines Lebens. Und wo bleibe ich?“
Er senkte den Kopf und warf ihr einen treuen Hundeblick zu. „Ich dachte, du könntest es werden?“
Misstrauisch beobachtete sie seine Mimik. „Warum gerade ich?“
„Weil du so heiß bist.“
Umgehend begannen ihre Ohren zu kochen. „Ich? Ähm… sicher?“
Er stupste sie verschwörerisch an. „ Was meinst du, warum ich hier sitze?“
Sie atmete tief durch. Alles klar, sie verlor ihren Verstand. Das hier war ganz sicher eine Halluzination. Zu viel Alkohol in den letzten Jahren. Zu viel ungesundes Essen. Vielleicht auch zu viel Fernsehen und Internet? Bestimmt trafen sie regelmäßig durch den Bildschirm irgendwelche Strahlen, die nach und nach ihr Gehirn zerfressen hatten.“
Wieder schüttelte er sanft ihren Arm. „Du lässt mich doch nicht hängen, oder?“
Der Blick aus seinen dunklen Augen ließ ganz tief in ihrem Becken irgendetwas vibrieren. Fuck, sie wollte mehr davon.
„Ich mach’s.“
„Toll.“
Er beugte sich vor und küsste sie zart auf die Stirn.
„Ich gehe jetzt. Viel Erfolg und bis bald!“

***

Sie spürte das Kribbeln von seinem Kuss auf der Stirn noch, als sie längst geduscht und angezogen war. Natürlich war das total bescheuert. Es war eine Halluzination gewesen. Oder ein Traum. Aber andererseits … Es schadetete ja niemandem, es zu versuchen. Sie musste schließlich niemandem erzählen, warum sie es tat. Und irgendwie … vielleicht … wer weiß …

„Warten sie, Frau Mendel. Ich halte die Tür auf.“
Ihre alte Nachbarin nickte ihr fröhlich zu. „Danke, Kindchen. Das ist nett.“
Ha! Number One! Zufrieden sah sie zu, wie die alte Dame mit ihren Einkaufstaschen beladen das Haus betrat. Sie marschierte die Straße entlang und sah sich nach einem weiteren Opfer um. Mist, keiner so früh unterwegs. Aber sie könnte ja telefonieren.

„Hallo Mama? Ich wollte nichts besonders, nur mal wieder guten Tag sagen. Wie geht es dir?“
„Hallo Schatz. Das ist aber nett. Ich danke dir!“
Bingo. Schon zwei in nur einer halben Stunde.
„Lena, soll ich heute die Ablage für dich mit machen?“
„Echt? Das würdest du tun?“
„Klar. Ich hab’s nicht eilig.“
„Danke! Tausend Dank!“

„Yippie! Da sitzt ein Bettler!“
Helen lief hin und ließ Münzen in seinen Hut fallen.
Er lächelte zu ihr hoch. „Danke sehr!“

Fröhlich vor sich hin summend lief sie weiter. Die Verkäuferin an der Kasse sagte Danke und bekam ein strahlendes Lächeln dafür. Der Kellner im Restaurant auch.

*** Drei Monate später ***

An einem warmen Sommertag saß Helen mit ihrer Freundin und Kollegin Lena in der Mittagspause im Park.

Lena zwinkerte. „Los, erzähl es mir.“
„Was denn?“
„Was mit dir passiert ist? Ich will das auch!“
Irritiert schüttelte Helen den Kopf. „Was meinst du?“
„Hey! Du bist wie ausgewechselt! Meinst du, ich merke das nicht?“
„Ich bin ganz normal.“
„Du hast seit Wochen ständig nur gute Laune! Du hilfst überall! Du machst neuerdings gemeinnützige Arbeit! Du hast letzte Woche dieses Kind nach Hause gebracht, als es hier saß und wegen seinem Zeugnis geheult hat. Und du strahlst! Nur! Jeden Tag! Du hast abgenommen! Du siehst jünger aus!“
Helen winkte verlegen ab. „Ach, du übertreibst.“
„Nein! Ich will auch so werden. Also, was ist passiert?“

Helen lehnte sich zurück und blickte verträumt in die Baumwipfel. „Es begann mit einem Traum.“
„Was?“
„Ja. Ich hatte so einen blöden Traum und danach habe ich ausprobiert, wie viele Leute ich dazu bringen kann, danke zu sagen.“
Lena musterte sie mit besorgt zusammengezogener Stirn. „Danke sagen…, aha.“
Helen lachte. „Ja, es hört sich bescheuert an, ich weiß.“
„Und dann?“
„Dann machte es solchen Spaß, dass ich süchtig danach wurde. Es geht einfach runter wie Öl, wenn jemand danke zu dir sagt. Je öfter ich es hörte, desto glücklicher und zufriedener wurde ich, und alle Leute wurden immer netter, und überhaupt, ich weiß auch nicht, es ist einfach toll.“
Lena kniff die Augen zusammen. „Das ist alles?“
Helen verdrehte die Augen. „Ja, das ist alles.“
„Kaum zu glauben.“

Hinter ihnen räusperte sich jemand und sie blickten sich um.
„Hi. Du bist Helen, oder?“
Im hellen Licht der Sonne stand eine große, breitschultrige Gestalt vor ihr. Sie legte die Hand über die Augen und erkannte ein freundliches Gesicht mit braunen Augen. Die Haare fielen ihm in die Stirn und seine Nase war wunderschön. In ihrem Nacken kribbelte es. Sie hatte dieses Gesicht schon mal gesehen, damals in diesem seltsamen Traum. „Der Märchenprinz“, murmelte sie völlig fasziniert.
Lena kicherte. „Man könnte ihn als solchen bezeichnen.“
Er lächelte. „Mein Name ist Karl. Ich arbeite da hinten und habe dich schon ganz oft vorbeilaufen sehen, aber du warst immer so schnell wieder verschwunden.“
Sie schluckte und starrte ihn an, wie ein Krokodil mit Engelslöckchen.
„Ja? Und?“, fragte sie heiser.
„Ich möchte dich unbedingt kennenlernen. Trinken wir einen Kaffee zusammen?“

***

Vorwitzige Sonnenstrahlen kitzelten ihre Nase. Brummend zog Helen die Hand unter der warmen Decke hervor, kratzte sich und nahm sich ganz fest vor, die Augen geschlossen zu halten. Der Wecker hatte nicht geklingelt. Es war noch viel zu früh. Sie drehte sich auf die Seite und mummelte sich fest in die Decke. Bloß kein Licht bitte.
„Helen!“
Die Stimme war ganz leise. Ein fast tonloses Flüstern. Sie hatte sich ganz sicher verhört.
„Helen!“
Stirnrunzelnd zog sie die Decke bis über die Stirn. Das waren nur irgendwelche Geräusche, die sich ganz zufällig wie ihr Name anhörten.
„Helen, wach auf! Es ist Zeit!“
„Wozu denn?“
„Wir müssen aufstehen, Schatz. Sieh her, ich habe dir einen Kaffee gebracht.“
Sie öffnete seufzend die Augen. Karl lächelte sie an, stellte den Kaffee ab und stützte sich rechts und links von ihrem Kopf auf der Matratze. Er beugte sich vor, um sie zärtlich zu küssen. Sie schlang die Arme um seinen Nacken. „Mmh…. Komm wieder ins Bett, mein Märchenprinz.“
Er knabberte an ihrem Ohrläppchen. „Das geht nicht, Süße, sonst kommen wir schon wieder zu spät.“
Sie kicherte und strich langsam über die weiche Haut seines breiten Brustkorbes, während ihre Augen die Ausbuchtung seiner Jeans betrachteten. „Das kann durchaus passieren.“
Er setzte sich aufrecht und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich liebe dich, weißt du das?“
„Ich liebe dich auch.“
Ihre Blicke versanken ineinander. Sie lächelte. „Sag mal, warum hast du mich damals im Park angesprochen?“
„Weil du mir vorher aufgefallen bist. Aus deinen Augen strahlt so viel Herzlichkeit und aus deinem Gang so viel Lebensfreude, und wenn du mich von weitem angelächelt hast, wurde mir immer ganz warm ums Herz.“
„Ich habe dich angelächelt?“
„Ja, sicher. Du lächelst doch jeden Menschen an. Ich konnte gar nicht anders, als mich in dich zu verlieben.“

(c) Sabine Bruns, Anderlingen, 2021, Foto: Canva.com

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