Juni 21, 2021

Das Lektorat

Teurer Luxus, notwendiges Übel oder überflüssig?

Dieses Thema wird unter Autorenanfänger*innen und Selfpublishern häufig diskutiert, denn eine(n) Lektor(in) zu engagieren, ist kein billiger Spaß. Erster häufiger Irrtum: Ein Lektorat ist kein Korrektorat. Im Korrektorat geht es um die Rechtschreibung, im Lektorat um den Inhalt.

Einen Roman zu schreiben, funktioniert für mich als Autorin so:
Vor meinem inneren Auge sehe ich die Szenen eines Filmes.
Was ich sehe, bringe ich in schriftlicher Form auf das Papier.
Der/die Leser(in) liest meinen Text und erlebt die entsprechenden Filmszenen in seinem/ihrem eigenen Kopf-Kino.

Wenn ich die Szenen meines Kopf-Kino-Films aufschreibe, und den Text später lese, ist mein innerer Film dabei gegenwärtig. Für mich passen Text und Film zusammen.

Wenn der/die Leser(in) den von mir geschriebenen Text liest, sieht er/sie aber nur Buchstaben, Worte, Sätze, nicht meinen Film. In seinem/ihrem Kopf entsteht, auf Basis der von mir gewählten Worte, ein eigener Film.

Damit ein Kopf-Kino-Film für meine Leser*innen genauso lebendig wird, wie für mich, muss ich meine Worte für den Text so exakt wie möglich wählen.

Die Protagonisten müssen ihrem Charakter entsprechend agieren. Mimik und Stimmen müssen passen, Orte, Entfernungen und Zeitangaben müssen plausibel ineinandergreifen, Handlungen müssen einen logischen Aufbau haben. Gefühle müssen entstehen. Die Personen müssen so miteinander reden, wie auch echte Personen es tun würden.

Beispiele:
Wenn mein Protagonist mit einem Aktenordner in der Hand den Flur entlang geht, kann er nicht einen Absatz später jemanden umarmen. Er müsste erst den Ordner weglegen.
Oder: Wenn mein Protagonist eine Flugreise mit Zeitverschiebung bucht, muss er auch zur richtigen Zeit ankommen.
Oder: Wenn mein Protagonist eben noch schlechte Laune hatte, kann er nicht einen Absatz später fröhlich pfeifend die Treppe runterlaufen, außer es gibt einen plausiblen Grund für den plötzlichen Stimmungsumschwung.
Oder: Ein Protagonist irrt ein Kapitel lang ängstlich durch eine fremde Stadt. Warum nimmt er nicht einfach sein Handy und lässt sich von Papa Google führen?

Der/die Lektor*in ist meine erste Leserin.
Er/Sie kann mir sagen, ob meine Worte exakt genug waren, um einen plausiblen, in sich schlüssigen, Film im Kopf meiner Leser*innen entstehen zu lassen, ob Spannung mitreißt oder es langweilige Phasen gibt, welche Gefühle entstehen und ob meine Protagonisten als sympathisch oder nervtötend wahrgenommen werden.

Theoretisch ist es für Autoren möglich, ihre Texte selbst zu lektorieren, aber dazu gehört sehr viel Fachwissen, Disziplin und Konzentration. Ein(e) Autor(in) muss seinen/ihren Text so lesen, als hätte jemand anders ihn geschrieben. Wenn das nicht vollständig gelingt, werden Leser*innen bei der Lektüre enttäuscht sein und kein weiteres Buch diese(r) Autor(in) kaufen.

Buchempfehlung von mir: „So lektorieren Sie Ihre Texte“, Sylvia Englert, Verlag Autorenhaus

Sabine Bruns

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